Der 10.07.2026 trägt den Namen schwarzer Freitag für die Psychotherapie.

Warum?
An diesem Tag wurde das sogenannte GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz beschlossen, und kurze Zeit davor - damit das durchgeht- die Angemessenheitsprüfung zur Vergütung der Psychotherapeuten geschickt gestrichen. 

Kontext

Das GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz ist schlicht ein Sparhebel der Bundesregierung, welches die Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen deckeln soll, um am Ende steigende Zusatzbeiträge der Versicherten zu stoppen.

Die Angemessenheitsprüfung wurde durch wegweisende Urteile seit 1999 für Psychotherapeuten eingeführt, da sie wegen ihrer festen Zeitstruktur (50 Minuten bspw.) im Vergleich zu anderen Arzt-Gruppen benachteiligt sind und entsprechend ein geschütztes Mindesthandlungshonorar pro Zeiteinheit erhalten müssen. Dieser zerntrale Paragraf it § 87 Abs. 2c Satz 8 SGB V wurde ersatzlos gestrichen. Der Weg ist somit frei, die therapeutieschen Leistungen ab 27 in Geldtöpfe zurückzudrängen.

Welche Auswirkungen hat die Unsicherheit der Therapeuten & Patienten bereits jetzt?

Ich habe meine Community befragt, welche Auswirkungen sich bereits bemerkbar machen:

Unerreichbare Versorgung: Wartelisten & Praxisaufgaben

Ich habe schon einige E-Mails und Kontaktgesuche erhalten, die sich konkret mit sehr verunsicherten Patienten/Klienten beschäftigt. Mir pesönlich bekannte Psychotherapeuten haben bereits an anderen Konzepten gearbeitet und gestalten beispielsweise jetzt ihre Privatpraxis, die zuvor mit Kostenerstattungsverfahren auch gesetzlich Krankenversicherte mit vergleichsweise akzeptablen Aufwand in die versorgung nahmen, um: 
- GKV-Patienten werden auf nur bestehende Therapieverfahren gedeckelt
- Mischpraxen gehen auf reine Privatpatienten / neue Mischpraxen werden seltener
- Gruppenangebote werden ausgeweitet (grundsätzlich zu begrüßen - mein ich)
- Praxen verlegt oder aufgegeben
- Teilzeit-Rückzug von Vollzeit
- Flucht ins Angestelltenverhältnis

Die Betroffenen sehen entsprechend sich jetzt bereits mit den Auswirkungen konfrontiert.
Und das in einer sowieso desolaten Kassensitz-Wüste (= zu wenig Kassensitze, bei horendem finanziellen Aufwand für Psychotherapeuten):

Die Therapie wurde unvermittelt [...] beendet, weil sie ihre Praxis aufgibt [...]. Nachfolgende Anfragen [...] wurden mit den Aussagen 'Schließung der Wartelisten' [...] sowie weitere Aufgabe der Praxen abgelehnt.

Wir stehen auf einer Warteliste und vor dem Spargesetz sollten wir 2,5-3 Jahre warten. Nun wird es sich auf 5 verlängern (oder noch länger).

Fehlende Mittel und versiegende Fonds: Finanzieller Druck auf beiden Seiten

Der schwarze Freitag trifft also Betroffene und Behandelnde gleichermaßen und ob die Rechnung mitterl- bis langfristig aufgeht wage ich zu bezweifeln.
In einer Studie [1] zum Thema Depressionen und Angststörungen wurde gezeigt, dass der nette Nebeneffekt, dass Menschen mit psychischen Erkrankungen genesen, sich durch eine steigende Arbeitsproduktivität wirtschaftlich um ein Vielfaches auszahlt.

Im Gegensatz zu den Kosten, die ein Klinik-Aufenthalt mit sich bringt, wurde hier offensichtlich - wie so häufig - zu kurz gedacht.

Wie jetzt insbesondere die hochsensible Patientengruppe Betroffene einer komplexen Posttraumatischen Belastungsstörung und / oder dissoziativen Identitätsstörung sich nun gegen ein System positionieren soll, das solch menschliches Leid und Überlebenskämpfe in kalte wirtschaftliche Kennzahlen reinpresst, bleibt die Frage die sich mir stellt:

Aktuell haben wir noch einen Therapeuten, der über den Fond bezahlt werden sollte. Falls das nicht klappt, muss ich selbst zahlen.

Unsere Therapeutin wird momentan vom Fond* bezahlt, fordert aber einen höheren Satz. Das kann also nach hinten losgehen, was in uns finanzielle Unsicherheit auslöst.

*Kontext: Der Fonds sexueller Missbrauch war ein zentraler Baustein zur Ergänzung von Hilfsleistungen / Therapien etc. und wurde Q3 2025 ersatzlos gestrichen.

Wir hatten vor gut über 1 1/2 Jahre Mehrbedarf beantragt beim Missbrauchfond, was nun [...] aus finanziellen Gründen abgelehnt [wurde]. Finanziell können wir selber keine Privattherapie leisten, da wir von Grundsicherung leben.

Therapeuten am Limit: Wenn das Hilfesystem selbst überlastet ist :(

Die psychotherapeutische Behandlung wurde schon lange stiefmütterlich, wie lästiges nicht ernstzunehmendes Beiwerk in der Gesundheits-Branche betrachtet.
Und nun stehen wir gänzlich vor einem Kollaps. Während der gesundheitliche Bedarf nach ambulanter Psychotherapie steigt (~ 30 % der Deutschen erfüllen jedes jahr das Kriterium für einer psych. Erkrankung), arbeiten die Behandler längst imme rund immer wieder über ihren Belastungsgrenzen.
Bürokratischer Wahnsinn, monatelange Wartezeiten für ein Erstgespräch (!), teils Jahre an Wartelisten nach dem Erstgespräch, führen dazu, dass insbesondere Schwersttraumatisierte und Akutbedarf in der zeitlichen Ungewissheit verharren müssen. 

Aus meiner Sicht ist die desolate Versorgungssicherheit damit gänzlich ausgehebelt:

[Er, der Therapeut] weiß bereits, dass er nicht mehr lange durchhalten kann, weil der Fond weggebrochen ist, die Krankenkassen bereits mehrmals gekürzt hatten [...]. Und das zusätzlich zur allgemein hohen seelischen Belastung in diesem Beruf.

Also die momentane Situation hat derzeit als Auswirkung auf uns: eine emotional weniger ausgeglichene Therapeutin [und] eine Therapeutin, die viel Zeit in Aktionen und Proteste steckt [...].

Krankes System, teure Folgen

Systematisch wird der Zugang zu amb. Psychotherapie verwehrt und erschwert, am Ende werden Betroffene mangels aller Alternativen zu stationären oder teilstationären Aufenthalten zurückgreifen müssen. Nachhaltige Genesung oder Stabilisierung? Fehlanzeige. Chronische Verläufe werden verfestigt, Zukunfts- und Existenzängste bei Betroffenen und Folgekosten für die Krankenkassen. Traurig. Und das alles bei einem dokumentierten Anstieg an sexualisierter Gewalt an Kindern. Liebe Entscheidungsträger: Was glaubt ihr was diese ungeschützten Seelen brauchen? Mindestens doch achtsame hürdenarme Psychotherapie.

Ich werde jetzt jedesmal in Krisen stationäre Hilfe in Anspruch nehmen. Krisen, die sonst die ambulante Versorgung gewährleistet hätte.

Ferner befürchte ich, dass ich durch fehlende Therapie immer mehr in die Unselbständigkeit rutsche [...] das macht mir große Angst, dass ich in einem Pflegeheim ende oder dass die Suizidalität in Suizid endet.

Das heißt, dass wir wieder [...] an Psychiatrieambulanz anbinden müssen, um mit Medikamente den Psychotherapiebedarf aushaltbar zu machen.

Für uns wird es heißen: 1-2x jährlich einen stationären Klinikaufenthalt zu machen, von ca. 10-12 Wochen. Das [...] kostet die KK wesentlich mehr pro Jahr, als wenn die durchweg die Psychotherapie zahlen würden.


Wo wird das alles hinführen?

Mindestens zu einer immensen gesellschaftlichen und finanziellen Dramaturgie:
Politisch wird zugeschaut, wie die amb. Psychotherapie weiter vor sich hinkollabiert.

Vielen Dank an alle Mitmacher in unseren DIScord-Chat zum Thema Psychotherapie (Erlaubnis zur anonymen Veröffentlichung natürlich erhalten)

Viele Grüße,
Linehme



Podcast-Folgen zum Vertiefen:

Rästel des Unbewußten Regierung stößt Psychotherapie in den Abgrund
Psychologie to go! Der Untergang der psychotherapeutischen Versorgung?

Quellen:
[1] Scaling-up treatment of depression and anxiety: a global return on investment analysis 10.1016/S2215-0366(16)30024-4
[2] https://www.aerztezeitung.de/Medizin/Viele-lassen-psychische-Erkrankung-unbehandelt-447905.htm
[3] https://www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/anstieg-sexualisierter-gewalt-gegen-kinder-ueber-17-000-faelle,VPzzY41